FRANZ
VORRABER - INTERVIEW |
FRANZ VORRABER
Der
Dichter spricht
"Jeder Tonkünstler ist ein Dichter, nur ein höherer", schrieb Robert Schumann in sein Tagebuch. Der sympathische österreichische Pianist Franz Vorraber hat sich diese Worte zu Herzen genommen. Er hat Robert Schumanns gesamtes Oeuvre für Klavier solo parat – und noch manches mehr.
Franz Vorraber ist erst der vierte Pianist, der alle Klavierstücke Schumanns aufgenommen hat. Vor ihm taten das nur Peter Frankl, Karl Engel und Jörg Demus. Die Gesamtaufnahme wurde schon vor geraumer Zeit abgeschlossen und erscheint derzeit sukzessive bei Thorofon auf dreizehn Einzel-CDs. Auch konzertant hat Vorraber den gewaltigen Zyklus schon einige Male aufgeführt, u. a. in Frankfurt und München. Sein Interesse gilt aber bei weitem nicht nur Robert Schumann: Neben Sololiteratur von Bach bis Schostakowitsch gehören auch zahlreiche Klavierkonzerte u. a. von Mozart, Beethoven Ravel, Rachmaninoff und Schnittke zu seinem Repertoire. Daneben hat Vorraber auch eine Dozentenstelle für Klavier an der Musikakademie in Wiesbaden inne.
Herr
Vorraber, wie sind Sie darauf gekommen, Schumanns gesamtes Klavierwerk
zu spielen?
Schon
im Klavierstudium, wo Schumanns Musik eigentlich keine herausragende Rolle
spielte, hat mich die Klaviersonate in Fis-Moll wegen ihres sprechenden
Gestus und ihres sinfonischen Charakters sehr beeindruckt. Viele Jahre
später wünschte sich ein Konzertveranstalter in Frankfurt ein
Schumann-Programm. Ich stellte eine abwechslungsreiche Folge bekannter
und wenig bekannter Stücke zusammen; mir kam dabei die Vielfalt dieses
schwer einzuordnenden Komponisten mehr und mehr zu Bewusstsein. Der Erfolg
ermutigte mich, sämtliche Klaviersonaten Schumanns zu erarbeiten und
diese in Konzertprogrammen jeweils mit anderen Stücken, etwa den lyrischen
Zyklen, zu kombinieren. So kam dann mit der Zeit der Entschluss, man müsste
eigentlich das Gesamtwerk spielen, außer den Solo-Klavierwerken natürlich
auch das Klavierkonzert, die Kammermusik und zumindest viele der Lieder...
Und
die Gesamteinspielung auf CD?
Die
spielte zunächst gar keine Rolle. Das Gesamtwerk habe ich erstmals
zyklisch in zwölf Konzerten paradoxerweise für die Regensburger
Schubert-Gesellschaft aufgeführt; es folgten Frankfurt, München
und andere Städte. Ein befreundeter Tonmeister wollte den Frankfurter
Zyklus unbedingt mitschneiden, erkrankte nach dem letzten Abend jedoch
schwer und starb bald darauf, so dass dieser Live-Mitschnitt unbearbeitet
liegen blieb. Beim Begräbnis lernte ich jemand kennen, der das Projekt
in Form von Studio-Produktionen weiter verfolgen wollte. Eine Veröffentlichung
war damals noch nicht sicher; der Kontakt zu Thorofon kam erst später,
als die Aufnahmen schon beendet waren.
Die
„Sprachlichkeit“ der Musik Schumanns ist Ihnen erklärtermaßen
ein besonders Anliegen – über was spricht Schumann denn in seinen
Stücken?
Schumann
schrieb einmal sinngemäß, diejenige Musik werde Bestand haben,
die jeden Einzelnen innerlich Bilder finden lasse. Für ihn war das
Zuhören sehr wichtig, sein Ziel war eine innere Revolution. Anders
als Wagner, der im Revolutionsjahr 1849 selbst auf die Barrikaden ging,
stellte Schumann in jenen Tagen sein „Album für die Jugend“ zusammen.
Nach einem Treffen mit Wagner bezeichnete Schumann diesen als „Vielschwätzer“,
während Wagner sich mokierte, dieser Idiot habe gar nichts gesagt.
Schumanns Aussagen entstehen ganz im Innern, ohne Worte; er wollte sogar
eine Oper ohne Text schreiben.
Ihr
Schumann-Spiel erscheint mir auf allen Ebenen aufgerauter, unruhiger und
dynamisch wie agogisch freier als das vieler anderer Pianisten.
Schumanns
Tagebücher sind sehr hilfreich, wenn man sich ein Bild von seiner
Persönlichkeit machen will: Er schreibt über eine Sache, dann
plötzlich über etwas ganz anderes, und dann wirft er wieder etwas
neues ein. Auch seine Musik ist alles andere als glatt: Die Noten enthalten
relativ viele Spielanweisungen, die häufig nicht alle umgesetzt werden.
Zwar versuchte er sich u. a. mittels Fugen-Arbeit selbst zu disziplinieren,
aber seine Fantasie war so überbordend, dass er auch später,
als sein Tonfall klassizistischer wurde, in jedem Stück aus der Substanz
heraus eine ganz individuelle Form erschuf.
Zu
Ihrem Repertoire gehören neben Schumanns Klavierwerken, die hinsichtlich
ihrer technischen Anforderungen oft unterschätzt werden, auch andere
technisch höchst anspruchsvolle Werke wie Rachmaninoffs zweites und
drittes bzw. Brahms zweites Klavierkonzert. Was bedeutet ihnen Virtuosität?
Virtuosität
gehört zur Musik der großen Komponisten immer dazu, weil sie
auch in dieser Hinsicht Grenzen ausloten. Das ist bei Bach mit seinen Goldbergvariationen
oder bei Beethovens Hammerklaviersonate nicht anders als bei Brahms und
Rachmaninoff. Dieser Aspekt hat für mich aber keine vordergründig
technische, sondern stets musikalische Bedeutung. Rachmaninoffs drittes
Konzert z. B., das ich sehr liebe, fasziniert mich besonders wegen der
polyphonen Strukturen, die der schwierige Klaviersatz aufweist.
Schumann
hat sich seine Finger durch mechanische Manipulation verdorben und konnte
daher, anders als die komponierenden Virtuosen der Romantik, seine Stücke
nicht selbst spielen. Ein wichtiges Sprachrohr war für ihn seine Frau
Clara. Glauben Sie, dass diese erzwungene „Mittelbarkeit“ seines Wirkens
sich auf seinen Stil ausgewirkt hat?
Ich
glaube, er war schon bedrückt darüber, dass er selbst nicht spielen
konnte. Andererseits sehe ich die Lähmung seines Fingers als Glück
an, denn sonst wäre er Virtuose geworden und hätte es nicht zu
dieser Ernsthaftigkeit beim Komponieren gebracht, die sein Werk für
uns heute auszeichnet. Was Claras Vortrag seiner Werke angeht: Er war gar
nicht immer glücklich darüber, wie sie gespielt hat; darauf deutet
sowohl seine Kritik an ihr als auch seine Begeisterung über Liszts
Interpretation seiner zweiten Novellette oder seiner Fis-Moll-Sonate.
Hat
ihre Schumann-Interpretation wichtige historische Vorbilder?
Mein
wichtigstes Vorbild ist eigentlich Schumann selbst mit seinen Noten, seiner
Schrift, seinen Texten. Ich habe mich freizumachen versucht von Vorbildern,
weil ich seit jeher ein starkes eigenes Ausdrucksbedürfnis für
diese Musik hatte.
Michael Wersin
Interview in der "nmz"
Den
Silberfaden der Fantasie spinnen
Der
österreichische Pianist Franz Vorraber spielt das gesamte Klavierwerk
von Robert Schumann bei Thorofon ein
Schumann
hat es immer schwer gehabt. Die legendenumrankte Krankengeschichte trübte
bis heute die Wahrnehmung seiner Musik. Sie blieb genauso gespalten wie
die dem Komponisten bescheinigte schizoide Persönlichkeit: wird dem
Frühwerk uneingeschränkt „geniale Inspiration“ zugestanden, so
konstatiert man spätestens ab 1849 stirnrunzelnd „schwindende Schöpferkraft“
und „Formschwäche“.
Nebenwerke
wie die Albumblätter op. 99 oder die Jugendsonaten op. 118 werden
in manchen Konzertführern geradezu abgekanzelt. Gesamteinspielungen,
denen sich namhafte Interpreten bei Mozart, Beethoven oder Chopin immer
wieder unterziehen zu müssen glauben, kommen da natürlich nicht
in Frage. So wundert es kaum, dass die letzte Aufnahme des vollständigen
Klavierwerks von Schumann durch Jörg Demus bis in die Siebziger Jahre
zurückreicht; insgesamt gibt es gerade einmal drei. Das Wagnis einer
neuen Gesamteinspielung unternimmt jetzt der Pianist Franz Vorraber beim
Label Thorofon, ein lang gehegtes Lieblingsprojekt, das sich ausschließlich
der Liebe zu dieser Musik und dem Drang verdankt, sie immer tiefer zu erforschen.
Die auf 13 CDs angelegte Edition wird in diesen Tagen abgeschlossen. Sie
ist beileibe nicht nur enzyklopädisch bedeutsam, sondern von enormem
künstlerischem Ertrag: Sie rehabilitiert den „unbekannten Schumann„,
lässt im großen Zusammenhang auch die zu Tode gespielten „Hauptwerke„
in neuem Licht erscheinen und macht überdies mit einem jungen, relativ
unbekannten Interpreten einmal mehr die Fragwürdigkeit des Starrummels
im Klassik-business deutlich.
Denn
der aus Graz stammende Vorraber spielt durchweg fesselnd und überzeugend,
zieht von Ton zu Ton tiefer in die Schumann-Sucht hinein. Anders als die
großen Schumann-Spieler der Vergangenheit, Cortot, Arrau oder Horowitz
– und neuerdings vielleicht Arcardi Volodos – tut er sich dabei weder durch
spektakuläre Virtuosität hervor, noch stellt er das eigene persönliche
Profil in den Mittelpunkt. Ein Interpret im romantischen Sinne, der in
erster Linie sich selbst ausdrückt, ist er damit nicht, eher ein unbestechlicher
Dolmetscher des Werkes, mit Leidenschaft und Akribie ganz dem Notentext
ergeben und diesen doch in eigenen, selbst erlebten Ausdruck übersetzend.
Den Schumann’schen Klavierkosmos präsentiert er als zyklische Einheit
voller subtiler Bezüge und Differenzierungen, so dass von „stärkeren“
und „schwächeren“ Werken keine Rede mehr sein kann. In der Gesamtheit
hat jedes seine Bedeutung und seine Eigenart. Eine kontrastreiche Anordnung
nach Themenkreisen unterstützt dieses Hören in größeren
Zusammenhängen, macht Lust auf immer neue Entdeckungen. So stehen
leicht hingeworfen wirkende Lyrismen à la „Bunte Blätter“ den
durchstrukturierten großen Sonaten gegenüber, „Humoristisches“
– im Sinne des Jean Paul’schen Humorbegriffs abrupter Stimmungswechsel
gehören dazu „Carnaval“ oder „Ein Faschingsschwank aus Wien“ – wird
mit dem Schaffen „für die Jugend“ kombiniert, die literarisch angeregten
Zyklen („Kreisleriana“) mit den Etüden. Auch Früh- und Spätwerke
sind direkt konfrontiert und enthüllen dabei nicht so starke Unterschiede,
wie häufig behauptet, vielleicht graduell an Virtuosität und
Komplexität, jedoch nicht qualitativ. In allen Schaffensphasen lassen
sich ungehobene Schätze finden.
Vieles
ist einfach zu intim und klanglich subtil, wie die „Gesänge der Frühe“
op. 133, um im großen Konzertsaal bestehen zu können. Manches
wurde von Clara nicht zur Edition zugelassen, wie die „Geistervariationen“
(o. O.), das letzte, „von Geisterstimmen diktierte“ Werk vor dem Sprung
in den Rhein, das immer nur als Krankheitszeichen bewertet wurde. Hört
man unmittelbar nach der g-moll-Sonate op. 22 das ursprüngliche, auf
Claras Wunsch zurückgezogene Finale, dann ist zu ahnen, welch kühne,
harmonisch und rhythmisch hochkomplexe Phantasie sich unter dem Druck von
Hörverständlichkeit und Spielbarkeit, möglicherweise auch
einem gewissen Einfluss des Leipziger Akademismus, vielleicht gar nicht
voll entfalten konnte. Auch die Paganini-Etüden op. 10, auf der Übertragung
einiger Capricen des Genueser „Teufelsgeigers“ für Violine solo beruhend,
stehen etwa der berühmten Toccata op. 7 in nichts nach.
Sie
sind filigraner in der Figuration, enthalten jedoch nicht weniger fürchterliche
Sprünge, exzessive Trillerketten, die in triolische Bewegung zerbröseln,
dazu sprunghaft wechselnde rhythmische Schichtungen. Entgegen der vergleichsweise
eindeutigen und überschaubaren Faktur der Toccata kann sich das Ohr
da nicht so schnell festhaken, rutscht richtiggehend aus. Und der Pianist
kommt dem keineswegs entgegen, liefert keine gefällige Virtuosität,
sondern befördert noch durch skurrile Verzögerungen und schroffe
Akzente den Eindruck von Zerfall. Zeigt sich hier eindrucksvoll eine Form
von „Dekomposition“ als Folge unerschöpflicher Variierungskunst, so
treibt diese bisweilen auch absonderliche Blüten. Als 23-Jähriger
schrieb Schumann sieben nie veröffentlichte Etüden, die sich
irgendwann als Variationen über den „Trauermarsch“ aus Beethovens
7. Sinfonie entpuppen. Das Thema wird nicht vorgestellt, zeigt sich (ähnlich
wie Beethovens Eroica-Variationen) erst als nacktes Bassgerüst, später
funken noch Floskeln aus dem 1. Satz und die leeren Quinten aus der Neunten
dazwischen. Auch dies, auf seine Weise, eine Perle der Edition.
Dazu
gehören zweifellos die drei ebenfalls sehr selten zu hörenden
Sonaten fis-moll op. 11, f-moll op. 14 und g-moll op. 22. Natürlich
hatten sie stets – wie auch diejenigen Schuberts – gegen das Vorurteil
anzukämpfen, keine „richtigen“ Sonaten im klassischen Sinne zu sein,
eine heute kaum mehr verständliche Restriktion, wenn man etwa an die
freie Formgestaltung des ständig zum Prüfstein herbeizitierten
Beethoven im Spätwerk denkt. Daraus macht Vorraber eine Tugend. Vor
allem op. 14 und op. 22 entwickelt er aus einem quasi barocken, toccatenhaften
Gestus heraus, verzichtet auf pedalträchtigen romantischen Klangrausch
und belebt die „Klangrede“ mit geradezu dramaturgisch gesetzten Zäsuren
und einer den „Sprachfluss“ klug dirigierenden Agogik. Bach gehörte
zu Schumanns Vorbildern, nicht nur was die Polyphonie betrifft, wie sich
hier zeigt. An Berlioz‘ „Symphonie fantastique“ rühmte Schumann die
Freiheit vom Gesetz der Taktschwere, mit der sie an griechische Chöre
erinnere. Davon ausgehend ist für Vorrabers Interpretation die Schumannsche
Phrasierung entscheidend, die riesige Bögen bauen kann, die wiederum
in Sequenzen einer Art „Sprachmelodie“ unterteilt werden, unabhängig
vom Metrum, das trotzdem vorhanden und spürbar ist.
Jedes
Werk empfindet der Pianist als einzigartig, vor allem in der Form, die
nicht aus einem übergeordneten Schema, sondern stets aus einem tragenden
Einfall, einem Motivkern individuell entwickelt sei.
Und
so bemüht er sich auch jedes Mal um einen spezifischen Interpretationsansatz.
Der kann mal mehr strukturell, mal mehr klanglich betont sein. Vor allem
die bekannten Werke wie die „Fantasie“ op. 17 oder der „Carnaval“ op. 9
erklingen eher sperrig, aufgebrochen in eine Fülle erhellender Details.
Die „klassizistischeren“ Jugendsonaten op. 118, die um 1853 für die
drei ältesten Töchter entstanden, erhalten einen kecken, neugierig
vorwärtspreschenden Drive, der gleichzeitig die Spannung dieser harmloseren
Werke aufrecht erhält. Ein Stückchen wie „Verrufene Stelle“ aus
den „Waldszenen“ op. 82 zeigt ebenso seine Herkunft von der barocken französischen
Ouvertüre, wie es harmonisch und atmosphärisch zu Arnold Schönberg
herüberdriftet. In den „Fughetten“ op. 126 geht die korrekte Stimmführung
in romantischen Klang und Ausdruck über, wo – wie Schumann bemerkte
- „um die Kette der Regel der Silberfaden der Phantasie sich schlingt“.
Selbst die CD Nr. 8, die nur „Nebenwerke“ wie die Romanzen op. 28, das
nachgelassene „Haschemann“ und „Gukkuk im Versteck“ sowie den ersten Teil
des „Albums für die Jugend“ enthält, bezaubert durch die liebevolle
Ausgestaltung gerade der kleinen Stücke, die so mit detailgenauer
Zeichnung jeweils ihre eigene Poesie entwickeln können.
In
der Gesamtschau wird deutlich, wie häufig Schumann sich selbst zitiert,
damit einen zyklischen Zusammenhang stiftet, aber auch, wie zeichenhaft,
fast vokabelähnlich er einzelne Elemente einsetzt. Die aufspringende
Sexte des Fantasiestücks „Warum“, die sich ebenso in den Kinderszenen
„Von fremden Ländern und Menschen“ und „Bittendes Kind“ findet, mag
dafür ebenso stehen wie der Quartruf aus der fis-moll-Sonate, der
auch in den „Geistervariationen“ auftaucht und seinerseits einem „Hexentanz“
der jungen Clara Wieck entstammt.
Der
Bezug auf Clara durchzieht das ganze Klavier-Œuvre nicht nur dergestalt,
dass es Niederschlag der jeweiligen emotionalen Verfassung des Komponisten
ist, der manches Werk als „nur einen einzigen Herzensschrei nach Dir“ bezeichnete.
Eine absteigende punktiert endende Quartlinie aus einem Andantino von Clara
bildet die motivische Keimzelle der g-moll und fis-moll Sonate, der Fantasie,
des Klavierkonzerts, sie ist die „Stimme aus der Ferne“ in der fis-moll-Novelette
und im weiterführenden Doppelschlag Herzstück des Rezitativs
in „Der Dichter spricht“. „Musik ist die Sprache der Seele“, zitiert Franz
Vorraber Schumann, „je mehr einzelne Bilder im ganzen die Musik vor dem
Hörer ausbreitet, desto ewiger wird sie sein, neu für alle Zeiten.“
Um diese Seelensprache zu verstehen, studierte er auch Schumanns Kammermusik
und Sinfonik, Tagebücher, Aufsätze und Briefe, las seine Lieblingsschrifsteller
Jean Paul und E.T.A. Hoffmann.
Es
ist ihm gelungen, sie auch auf dem „toten Medium“ CD lebendig zu machen
und Schumann, diesen fantastischen Konstrukteur oder konstruktiven Fantastiker,
einem verstaubten, verunglimpfenden Bild der Vergangenheit zu entreißen.
Isabel
Herzfeld
Interview im Magazin "crescendo"
Romantisch
Der Pianist FRANZ VORRABER
von Erika Habenicht
"Wer Franz Vorraber im Frack und am Konzertflügel erlebt, der kommt aus dem Aufhorchen gar nicht mehr heraus. Es eröffnet sich eine Welt voller Leidenschaft und voller Phantasie." So beschreibt der Bayerische Rundfunk den Pianisten. Sein aus 12 Abenden bestehender Zyklus mit dem gesamten Klavierwerk Schumanns stieß in der Öffentlichkeit auf viel Beachtung.
Ohne Frack wirkt Vorraber viel kleiner als auf der Bühne, sein österreichischer Akzent hat etwas freundlich-gemütliches, sein häufiges Lachen wirkt spitzbübisch. Aber wenn er von seinem Favoriten Schumann spricht, fangen die Augen an zu leuchten und er wird temperamentvoll. "Schumann ist viel mehr als Sturm und Drang, jedes Werk hat seinen eigenen Charakter. Das ist mir immer mehr bewusst geworden, je mehr ich Schumann gespielt habe. Und diese unbekannteren Werke sind oft viel großartiger als die, die immer gespielt werden aus der sogenannten Sturm und Drang Periode."
Zunächst
ergriff Vorraber den handfesten Beruf eines Musiklehrers und unterrichtete
durchaus mit Freude an der Schule ("zu einigen meiner Schüler habe
ich heute noch Kontakt"), denn das Argument seines Vaters, dass man von
Musik schwer leben könne, leuchtete ihm ein. Nach weiteren Studien
bei B. Seidlhofer und J. Volkmann entschied er sich dennoch für die
Musikerlaufbahn. Zu Schumann kam er erst vor etwa 10 Jahren. Nach intensivem
Quellenstudium sieht er den Komponisten inzwischen als einen alten Bekannten.
"Der Schumann'schen Sprache fühle ich mich einfach verwandt. Es ist
eine zeitlose Musik, wenn es einem schlecht geht , dann spielt man sie
und es geht einem wieder besser. Die Geistervariationen sind für mich
in manchen Momenten wie ein Gebet." "Deklamieren, sprechen, erzählen",
das sind Wörter, mit denen er sein Schumannspiel beschreibt. Kein
Wunder, dass der Pianist sehr frei und romantisch mit Schumanns Tempi umgeht:
"Eine Erfahrung ist es, Schubertwalzer am Computer zu hören: So etwas
Grausliches gibt es nirgends. Es geht nicht genauer als es der Computer
spielt und trotzdem ist es kein Walzer. Für mich ist die Schumann'sche
Musik eine Art Sprache. Ich habe viel über Schumann gelesen. Er hat
lange nicht gewusst, ob er Schriftsteller wird oder Musiker. Er hat eine
Sprache entwickelt, die oft den Taktstrich vergessen lässt, da geht
es mehr um eine Gestik ."
Der
romantische Gestus hat auch seine Vorstellung der idealen Umgebung für
Schumanns Musik geprägt. Obwohl er den Schumannzyklus begeistert im
Konzertsaal gespielt hat, für Vorraber blüht Schumann in einer
anderen Atmosphäre erst richtig auf: "Schumann sollte man lieber einzelnen
Personen vorspielen. Es sind intime Stücke, die nicht für den
großen Konzertsaal gedacht sind. Ich übe oft am Abend und kann
auch absolut nachempfinden, dass Schumann gesagt hat, die Dämmerung
ist für ihn so ein toller Moment. Ich mache kein Licht an, wenn es
finster ist, sieht man höchstens noch die Straßenlaterne draußen.
Da Schumann'sche Musik zu spielen ist toll."